AYURVEDISCHE ERNÄHRUNG

ERNÄHRUNG AUS AYURVEDISCHER SICHT

Dass man gesund essen kann, ist klar. Aber kann man sich auch gesund essen? Und glücklich? Oder gar weise und tolerant?
von Sylvia Lischer

„Der Mensch ist, was er isst“, verkündete der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach Mitte des 19. Jahrhunderts – und wurde dafür heftig angegriffen. Denn die Ernährung - so Feuerbach - habe nicht nur Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit eines Menschen, sondern auch auf seinen Charakter: „Die Speisen werden zu Blut, das Blut zu Herz und Hirn, zu Gedanken und Gesinnungsstoff“. Wenn also eine Regierung ihr Volk zum Guten hin verändern wolle, solle sie keine großen Reden schwingen, sondern dafür sorgen, dass gesunde Nahrungsmittel zur Verfügung stehen.

Die ayurvedische Sichtweise von Ernährung ist von der Feuerbachs gar nicht so verschieden. Gesundheit bezieht sich im Ayurveda nicht nur auf die rein körperliche Gesundheit, sondern schließt Geist und Seele mit ein. Sushruta, einer der großen Ärzte der ayurvedischen Medizin, der vermutlich im frühen 6. Jahrhundert vor Christus lebte, war der Meinung, dass ein Mensch nur dann als gesund bezeichnet werden kann, wenn auch „dessen Seele, Geist und Sinne stets voller Glückseligkeit“ sind. Die Gesundheit von Körper, Geist und Seele basiert laut Ayurveda ganz wesentlich auf der Ernährung. Wer sich richtig ernährt, so heißt es, braucht keine Medikamente. Und wer sich nicht richtig ernährt, dem helfen auch keine Medikamente.


Hülsenfrüchte versorgen den Körper mit wertvollen Proteinen (Foto: © Sylvia Lischer)

Essen Sie sich gesund, weise und tolerant!
„Wer Rindersteaks konsumiert, strotzt vor Tatkraft“, behauptete Ludwig Feuerbach. Auch im Ayurveda geht man davon aus, dass Fleisch die Aktivität steigern, aber auch aggressiv und ungeduldig machen kann. Wie lässt sich das erklären? Neben den drei Doshas Vata, Pitta und Kapha beschreibt der Ayurveda drei Eigenschaften oder „Gunas“, die den Doshas auf geistiger Ebene entsprechen: Sattva, Rajas und Tamas.

  • Sattva steht für Reinheit, Harmonie, Gleichgewicht und Neutralität. Menschen mit viel Sattva sind freigebig, gelassen, wahrheitsliebend, weise, zufrieden, ausgewogen und tolerant. Wer sich sattvisch ernährt, lebt länger und ist der Umwelt gegenüber verständnis- und liebevoll eingestellt. Sattvische Nahrungsmittel sind süß, ölig, leicht und kühlend. Beispiele: Reis, Weizen, Ghee, Honig, Kuhmilch, frische (reife) Früchte, Safran, Kardamom, Zimt.
  • Rajas steht für Bewegung und Aktivität. Viel Rajas macht Menschen mutig, aber auch aggressiv, ärgerlich, rechthaberisch, intolerant und ngeduldig. Beispiele für rajasverstärkende Nahrungsmittel: Fleisch, Fisch, Paprika, Tomaten, Cayennepfeffer.
  • Tamas steht für Passivität, Trägheit, Auflösung und Zersetzung. Dominiert Tamas, ist ein Mensch träge, hat ein übermäßiges Schlafbedürfnis und Verlangen nach qualitativ schlechtem Essen. Das gesunde Empfinden für die wahren körperlichen und seelischen Bedürfnisse ist bei Menschen, die viel tamasische Nahrungsmittel zu sich nehmen, gestört. Beispiele für tamasische Nahrungsmittel: H-Milch, Konservennahrung, zerkochte oder wieder aufgewärmte Lebensmittel, Fleisch, Eier,Erdnüsse. Tamas ist nicht prinzipiell schlecht. Bei Nervosität oder Angst kann die abstumpfende Wirkung tamasischer Lebensmittel wie Mohn, Knoblauch oder Baldrian durchaus erwünscht sein.

Das heißt nicht, dass nach jedem verspeisten Pfeffersteak ein Wutausbruch erfolgen muss. Oder dass man sich als Normalbürger nur noch von Reis, Kuhmilch und Honig ernähren soll. In erster Linie lässt sich das Wissen um die drei Gunas dazu nutzen, negative Essgewohnheiten ihrer  Tendenz nach zu erkennen und sie zugunsten einer gesünderen Ernährungsweise zu ändern. Wer sich vorwiegend sattvisch ernährt, ist umgänglicher, lebt länger und beugt Krankheiten vor. Ein wesentlicher Punkt für die positive Wirkung sattvischer Lebensmittel ist ihre gute Verdaulichkeit. Tamasische Lebensmittel hingegen lassen sich nur schwer verdauen. Das führt dazu, dass sich im Körper Ama (Unverdautes) ansammelt.


Reis gilt im Ayurveda als sattvisches Lebensmittel (Foto: © Sylvia Lischer)

Achten Sie auf Ihre Verdauung!
Wenn der Mensch das, was er zu sich nimmt, richtig und gründlich verdaut, hat er alle Voraussetzungen, um gesund und glücklich zu sein. Andernfalls entsteht Ama, kurz: Unverdautes. Sammelt sich zuviel Ama im Körper an, funktioniert der Stofftransport zwischen Zellen und Organen nicht mehr reibungslos, was zu Befindlichkeitsstörungen und Krankheiten führt.  Die Entstehung von Ama hängt nicht allein von der Verdauungskraft des Menschen ab. Auch Schadstoffe, die mit der Nahrung oder der eingeatmeten Luft in den Körper gelangen und nicht abgebaut werden können, bilden Ama, beispielsweise Pestizide, Schwermetalle, Farb- und Konservierungsstoffe. Nach alter ayurvedischer Auffassung kann Ama auch durch geistige Faktoren wie Stress oder Angst entstehen.

Welche Luft wir einatmen, lässt sich nur sehr begrenzt beeinflussen. Und um die Probleme und Negativ-Schlagzeilen abzuwehren, die täglich auf uns einprasseln, benötigen wir ein gutes Geistestraining. Am leichtesten können wir das kontrollieren, was wir essen und trinken.

  • Wer Ama bei der Nahrungsaufnahme vermeiden will, sollte
  • viel sattvische Nahrung zu sich nehmen,
  • auf biologische Nahrungsmittel achten,
  • kein Fleisch aus Massentierhaltung konsumieren,
  • nur bei Hungergefühl essen,
  • die Nahrung gut kauen und mit Appetit essen,
  • Vollkornprodukte richtig zubereiten (z.B. Getreidekörner mahlen und zu Brei verarbeiten),
  • Rohkost nur in Maßen zu sich nehmen und warmes Essen bevorzugen

Auch wann wir essen, spielt hinsichtlich Ama eine große Rolle. Generell gilt die Regel: Je höher die Sonne steht, desto besser funktioniert unser Stoffwechsel und damit auch Agni, das Verdauungsfeuer. Daher empfiehlt es sich, um 12 Uhr die Hauptmahlzeit zu sich zu nehmen. Nach ayurvedischer Auffassung verfügt der Tag über Rhythmen, die von den Doshas beeinflusst werden. Beispielsweise herrscht zwischen 10 und 14 Uhr Pitta-Zeit, in der sich auch schwere Nahrung gut verdauen lässt. Von 6 Uhr bis 10 Uhr und von 18 bis 22 Uhr dominiert Kapha. In dieser Zeit sollte man weniger essen und nur leicht verdauliche Nahrung zu sich nehmen. Auch den Rhythmus der Jahreszeiten sollte man bei der Nahrungsaufnahme berücksichtigen. Hier herrscht das Kapha-Prinzip mit seinem relativ langsamen Stoffwechsel im Frühjahr vor und begünstigt bei unangepassten Essgewohnheiten die Ansammlung von Ama.


Nach ayurvedischer Auffassung zählen die roten Früchte der Gattung Paprika zu den rajasverstärkenden Nahrungsmitteln, die – im Übermaß genossen – ungeduldig und aggressiv machen können. (Foto: © Sylvia Lischer)

Nahrung ist die beste Medizin!
Haben sich bereits Gesundheitsstörungen eingestellt, lassen sich auch diese durch eine ausgewogene, der Konstitution angepasste Ernährung positiv beeinflussen.

Stärkung von Agni, dem Verdauungsfeuer
Krankheiten wie Allergien lassen sich unter anderem auf die Bildung von Ama zurückführen. Durch die Stärkung von Agni (Anregung der Verdauungstätigkeit) wird Ama abgebaut und der gesamte Stoffwechsel auf Trab gebracht. Durch das Trinken von heißem Wasser wird Agni angeregt, ebenso durch Gewürze wie Ingwer, Koriander, Kreuzkümmel, Safran und Zimt, die allesamt den Vorteil haben, das Pitta-Dosha nicht zu stören.


Vata-, Pitta- und Kapha-Störungen
Allergien weisen - wie alle Krankheiten - auf ein Ungleichgewicht im Körper hin, das den Menschen schwächt und so der Krankheit die Tür öffnet. Ist Vata (das Bewegungsprinzip) gestört, kann es beispielsweise zu trockenen Schleimhäuten und Niesattacken kommen. Ist Pitta (das Energieprinzip) angeregt, können sich u.a. Hautrötungen einstellen. Vermehrtes Kapha (das strukturgebende Prinzip) kann z.B. zu übermäßiger Schleimbildung führen. Wer die Eigenschaften der Doshas kennt und weiß, welches Dosha aus dem Gleichgewicht geraten ist, kann durch gezielte Ernährung dazu beitragen, das Ungleichgewicht auszubalancieren. Der Ayurveda empfiehlt bei Heuschnupfen (Vata- und Kapha-Vermehrung) beispielsweise, schwere, ölige, kalte und saure Speisen zu meiden. Da bei Allergien oft zwei oder gar drei Doshas betroffen sind, sollte man jedoch Analyse und Ernährungsempfehlungen einem Ayurveda-Arzt oder –Heilpraktiker überlassen.

Der  Mensch ist keine Stoffwechselmaschine!
Wenn Nahrung gesund und glücklich machen kann, wie viel Pfund Milchreis mit Ghee und Honig muss ich dann eigentlich essen, um auf einer Gesund-und-Glücklich-Skala die maximale Punktzahl zu erreichen? Diese und ähnliche Fragen hätten Ludwig Feuerbach und seine Zeitgenossen brennend interessiert. Denn das  ausschließlich auf die Vernunft und die Naturwissenschaften aufbauende mechanistische Weltbild der damaligen Zeit setzte den Menschen allzu oft mit einer Stoffwechselmaschine gleich, die aus Nahrung in bestimmter Menge und Qualität eine entsprechende Menge und Qualität an Gesundheit, Glück und positiven Charaktereigenschaften produziert.

In der ganzheitlich ausgerichteten Wissenschaft des Ayurveda hingegen geht es nicht so sehr um Mengenangaben, Formeln und Gleichungen.  Wie ein guter italienischer Koch, der ohne Waage und Rezept aus dem Gefühl heraus ein köstliches Mal kredenzt, so sollte nach ayurvedischer Auffassung der Mensch ein tieferes Bewusstsein und Feingefühl für Nahrung entwickeln. Damit er seine wahren Bedürfnisse spontan erkennt und intuitiv weiß, was seiner Gesundheit schadet und was ihr nützt.


Gewürze schmecken nicht nur gut, sie wirken laut Ayurveda in vielfältiger Weise
auf Gesundheit und Wohlergehen. (Foto: © Sylvia Lischer)

Rezept-Tipp zur Förderung von Zufriedenheit, Ausgewogenheit und Harmonie:

Milchreis

Siddhārtha Gautama (der historische Buddha) bestätigte einigen Nahrungsmitteln einen ungewöhnlich hohen medizinischen Wert, wobei das hervorragendste ein Milchreis war, der mit Honigstücken vermischt gegessen wurde. Auch Ghee rechnete der Buddha zu den Grundheilmitteln. Laut Ayurveda zählen sowohl Reis als auch Milch, Honig und Ghee zu den sattvischen Lebensmitteln. Wer sich etwas Luxus gönnen möchte, fügt dem Milchreis noch Safran, Zimt oder Kardamom (alle drei ebenfalls sattvischer Natur) hinzu.


1⁄2 Liter Milch
100 Gramm Basmati- oder Milchreis
1 TL Ghee
1 Prise Safranpulver (oder ca. drei zuvor in etwas Wasser eingeweichte Safranfäden) oder ca. drei grüne Kardamomkapseln (die Samen mörsern) oder ein bis zwei Messerspitzen Zimtpulver Honig nach Belieben (da Honig Kapha reduziert, können Vata-Typen auch braunen Rohrzucker verwenden)


Ghee in einem Topf erhitzen. Reis und Milch dazugeben und unter ständigem Rühren aufkochen lassen. Das gewünschte Gewürz hinzufügen und den Reis bei geringer Hitze ca. 45 Minuten weich kochen bis ein dickflüssiger Brei entsteht. Achtung: den Honig nicht mitkochen, da er sonst toxisch wird (Rohrzucker mit dem Reis und der Milch aufkochen).


LITERATUR:
Viele Hintergrundinfos zu den Themen ayurvedische Ernährung, Doshas und Gunas finden sich beispielsweise bei Lad, Vasant: „The Complete Book of Ayurvedic Home  Remedies“, Harmony Verlag, 11,50 Euro. Das von Vasant Lad und David Frawley auf Deutsch erschienene Buch „Die Ayurveda-Pflanzenheilkunde“ bietet ebenfalls wertvolle Tipps zum Verständnis ayurvedischer Zusammenhänge. Kochrezepte und Infos zum Thema finden sich in den Büchern „Kochen nach Ayurveda“ von Karin Pirc (Bassermann Verlag, 10 Euro) und „Die köstliche Küche des Ayurveda“ von Ernst Schrott (Goldmann Verlag, 8,95 Euro).